Schöne Tiefe
Anselm Simon (Saxofone, Klarinette, Tarogato) und Bernd Homann (Piano) haben mit dem im Januar dieses Jahres aufgenommenen Duo-Album "Two Days - One Moment" ein wunderbar einfalls- und facettenreiches Stück jazzinspirierter Tonkunst geschaffen und damit neuerlich ihre Fähigkeit zu kongenialem Zusammenspiel unterstrichen, mithin: An eine über 20-jährige musikalische Freundschaft angeknüpft. Und sie haben ihre Tauchfahrt in die Schönheit der Tiefe fortgesetzt.

Was macht eine Melodie schön? Die Frage würde in verschiedenen Kulturkreisen je unterschiedlich beantwortet. Eine (für alle Kulturen, Zeiten, Individuen gültige) physikalische Theorie des Wohlklangs ist noch nicht geschrieben; es würde sie vermutlich nicht geben können. Was dem Schlager schön ist, ist dem Rock zu seicht und dem Jazz zu banal und kitschig. Und doch glaubt man manchmal hören zu können, dass und wie musikalische Subjekte weltweit immer wieder auf der Suche nach der  bewegend schönen Melodie sind, nach bedeutungsvoller Tiefe. (...)

Bei Simon und Homann wird das Material dem Amalgam "Eigenes aus Fremdem" durch die Interpretation bruchlos angegliedert, gerät zum organischen Teil einer unverwechselbar eigenen Gesamtstilistik. Beide improvisieren schon so lange im Duo zusammen, sodass ihr Spiel mit dynamischen Nuancen bis zu agogischer Raffinesse in bisher unerreichter Dichte gediehen ist. (...)

Eine Klezmer-typische Melodie bleibt nicht im Fahrwasser einer originalen New Yorker jewish wedding, ein rumänisches Volkslied, eine russische Weise nicht im naiv flotten Duktus einer osteuropäischen Straßenband. Immer sind beide als formende Interpreten präsent, in ihren modernen individuellen Spielstilen, geschult an Jazz, Neuer Musik, Klassik, als Bearbeiter zu hören, die den groben Klotz des Originals filigran behauen.

Es entsteht so eine Musik, in Teilen derart verträumt, gerade in den poetisch stillen Eigenkompositionen, dass eine Moderatorin von NDR 4 anlässlich ihrer (...) lobenden Konzertkritik eines Auftritts des Duos zu landschaftsmalerischen Vergleichen Zuflucht nimmt; dies wohl, um eine Atmosphäre einzufangen, der die Schönheit eines Naturschauspiels zu eignen scheint. Nicht immer, das ist wahr, unterstreicht die Musik der beiden ihren Kunstcharakter als deren Eigenschaft, gekonnt gemacht, vor allem: schwer zu sein. Sie ist (wiewohl Kunst und hervorgebracht) von oft sekundärer Simplizität - als wäre sie eben schlicht nur vorhanden, einfach so da.

Dann aber wieder ist sie, im präzisen Unisono komplexer Themen, auch hörbar schwierig, aufgeweckt rasant, melodisch reich und harmonisch differenziert, hörbar absolut auf dem Zenit des state of the art. (...)

Die Musik ist geprägt von individuellem Spielwitz, der das Material vor den großen Hintergrund der Geschichte des Jazz stellt. Diese wird nacherlebt und neuformuliert von zwei unterschiedlichen, wiewohl jeweils überaus talentierten musikalischen Temperamenten. (...)

Simon und Homann gehören zu den wohl am häufigsten ausgezeichneten Jazzmusiker Niedersachsens. Beide besuchten exakt zur selben Zeit, von 1986 bis 90, den hannoverschen Studiengang für Jazz/Rock/Pop an der Hochschule für Musik und Theater.

Bernd und Anselm leben, neben Privatunterrichten, von ihren Dozenturen; Anselm (2003 übrigens unter den Gewinnern eines europaweiten Saxcontest) lehrt an der Akademie sowie der Musikschule des Hamburger Konservatoriums; Bernd unterrichtet an jener Hochschule. In den USA gibt es den bösen Spruch, dass, wer's kann, spielt, wer's nicht kann, unterrichtet. Wie auch immer: dass einer spielen kann, ist nicht im Umkehrschluss automatisch Garant, dass sein Unterricht nichts taugt (etwa deshalb, weil er als Überflieger kein Gefühl für die Lernprobleme der Normalbegabten hätte oder nicht eigentlich weiß, wie man übt, wenn man kein Genie ist). (...)

Nun, beide sind hervorragende Musiker geworden; und von Anselm und Bernd, die ich beide schon im Unterrichtskontext beobachten konnte, weiß ich verlässlich, dass sie auch hervorragende Musikpädagogen sind. Nicht nur deshalb, weil sie unheimlich sympathische Typen sind. Dass Leute, die spielen können wie Bernd Homann und Anselm Simon, die Musiker von morgen unterrichten, macht auch Hoffnung auf die Zukunft.

Lucius Mitchell

Auszug aus Jazzpodium 04/09